Neue Zürcher Zeitung FORSCHUNG UND TECHNIK Mittwoch, 23.12.1998 Nr. 298  51

Der Wolf - Sündenbock und Lichtgestalt

Projektionsfläche für Hoffnungen und Ängste in der modernen Gesellschaft

Der Wolf kommt zurück - diese absehbare Entwicklung sorgt hierzulande für etwelche Aufregung. Dabei geht es längst nicht nur um die Frage, wie die Schafwirtschaft mit den negativen Folgen umgehen soll. Vielmehr weckt der Wolf auch heute noch vielfältige Emotionen, die weit über das hinausgehen, was man bei sachlicher Betrachtung erwarten würde.

few. Kaum einem anderen Tier werden in der Mythologie so gegensätzliche Rollen zugeschrieben wie dem Wolf, und auch heute noch ruft dieser grosse Beutegreifer starke Emotionen hervor. Die Konflikte um diese Tiere werden sich hierzulande wohl weiter verschärfen, wenn der Wolf, wie dies abzusehen ist, wieder zurückkehren wird. Allerdings fragt sich, ob dies von der Bevölkerung auch akzeptiert wird, besteht doch in dieser Hinsicht eine paradoxe Situation: Einerseits haben Umfragen ergeben, dass eine Mehrheit von 57 Prozent die Anwesenheit des Wolfes begrüsst; andererseits stösst der Wolf überall dort, wo er tatsächlich erscheint, auf starken Widerstand.

Eine Forschergruppe unter der Leitung von Marcel Hunziker von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf hat nun untersucht, welche Motive, Bilder und Vorstellungen die Haltung der Menschen gegenüber dem Wolf prägen und warum die Anwesenheit dieser Tiere so starke Ängste und Hoffnungen weckt. In einer ersten Projektphase haben die Wissenschafter die Haltung der Bevölkerung mit Hilfe der Methode des «theoretical sampling» qualitativ untersucht. Dabei werden nicht Personen ausgewählt, die repräsentativ für den Durchschnitt der Bevölkerung sind, sondern solche, die prägnante Positionen vertreten. Mit wenigen Gesprächen kann so das Meinungsspektrum weitgehend abgedeckt werden. Auf Grund der offenen, aber strukturierten Gespräche mit 10 Personen haben die Forscher drei Idealtypen charakterisiert: den traditionellen Wolfsgegner sowie den postmodernen und den ambivalenten Wolfsfreund.

Der traditionelle Wolfsgegner orientiert sich in seinem Denken an den Errungenschaften der Moderne. Zivilisation bedeutet für ihn die Überwindung der Wildnis, und er steht der Unterwerfung der Natur durch den Menschen positiv gegenüber. Der Wolf ist für ihn ein Symbol für das Unzivilisierte und Wilde, und er befürchtet, die Wolfsfreunde wollten die zivilisatorische Entwicklung umkehren. Als spezielle Variante des traditionellen Wolfsgegners haben die Wissenschafter denjenigen ausgemacht, der im Wolf eines unter vielen Elementen sieht, die von aussen in die Schweiz dringen und für die «Verrohung» der hiesigen Kultur verantwortlich sind.

Bei den traditionellen Wolfsgegnern können drei Untertypen definiert werden: die Subsistenzorientierten, die den Wolf als Bedrohung der bäuerlichen Existenzgrundlage und daher als Schädling wahrnehmen; die Moralisierenden, die den Wolf in ihrer bipolaren Weltordnung als Teil der chaotischen, disharmonischen und grausamen Seite begreifen, die im Gegensatz zum Harmonischen, Ordentlichen und Guten steht, zu der - für sie - auch die Zivilisation gehört; und schliesslich die Pragmatischen, die der Wildnis zwar durchaus positive Seiten abgewinnen, den Wolf aber als nicht zeitgemässen Eindringling betrachten, dem hier die Lebensgrundlage fehlt.

In scharfem Gegensatz zum traditionellen Wolfsgegner steht der postmoderne Wolfsfreund. Er sieht im Wolf ein Symbol für Dynamik und Wille zur Behauptung gegen alle Widrigkeiten, ein Symbol auch für den Widerstand gegen die Zivilisation, die als zerstörerisch wahrgenommen wird. Dass der Wolf wieder heimisch wird, betrachtet der postmoderne Wolfsfreund als positiv, sieht er doch dadurch die Verwirklichung seines Natur- und Gesellschaftsideals näherrücken.

Als dritten Idealtyp haben die Forscher schliesslich den ambivalenten Wolfsfreund definiert. Dieser ist geprägt von einem inneren Konflikt zwischen Unterordnung und Dominanz, bzw. Konformismus und Willen zum Individualismus. Der Wolf wird zur Projektionsfläche für diese Zerrissenheit, erkennt der ambivalente Wolfsfreund bei diesem Tier doch einen ähnlichen Konflikt zwischen Anpassung im Rudel und Durchsetzungsfähigkeit als Einzeltier. Der ambivalente Wolfsfreund orientiert sich weniger an konkreten Fakten als an psychologischen Aspekten. Da er bei krisenhaften Situationen zu traditionellem Verhalten neigt, schlägt seine positive Haltung schnell einmal in Ablehnung um, wenn er mit der Realität konfrontiert wird.

Zur Überprüfung dieser Ergebnisse wird nun in einer zweiten Projektphase eine quantitative Untersuchung durchgeführt, bei der rund 1000 Personen mit einem standardisierten Fragebogen interviewt werden sollen. Hunziker hofft so, zuverlässigere Aussagen über die Haltung der Bevölkerung machen zu können als die bisherigen Umfragen. Diese seien, nicht zuletzt auch wegen der bisher fehlenden qualitativen Grundlagen, zum Teil nicht ganz unproblematisch. Ein sehr grosser Teil der Gesellschaft, so Hunziker, sei vermutlich dem ambivalenten Wolfsfreund zuzuordnen, der dazu neigt, in seiner Haltung zu kippen. Deshalb entstehe die Diskrepanz von breiter Zustimmung und erbittertem Widerstand.

In einer dritten Phase soll dann zum einen die Symbolik des Wolfs transparent gemacht werden und den Menschen gezeigt werden, dass es neben ihrem eigenen Wolfsbild auch noch andere Bilder gibt. Zum zweiten geht es darum, Wege zu finden, um die Kommunikation zu verbessern. In diesem Bereich, das hat eine Expertenbefragung gezeigt, bestehen noch grosse Defizite. Hunziker ist überzeugt, dass zwischen den Parteien teilweise ein breiterer Konsens besteht, als diese glauben. Als drittes sollen die Erkenntnisse der Studie auch helfen, konkrete Probleme in Zusammenhang mit gerissenen Tieren zu lösen. Insbesondere für die Direktbetroffenen, so zeigte sich, ist es wichtig, dass sie ernst genommen werden und nicht den Eindruck erhalten, ihre realen Probleme würden zugunsten eines idealisierten Bildes verdrängt.

Quelle: https://www.wsl.ch/land/products/predator/

 
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