Aufgrund Ihrer Beschreibung, dass Ihr Dorf eher ländlich ist, dass
es keine neueren Organisationen und Gruppierungen gibt und die soziale
Kontrolle eher stark ist, charakterisieren wir Ihr Dorf als:
Ländliches Dorf
So wie Sie Ihr Dorf beschreiben, handelt es sich wahrscheinlich in manchem noch um ein "richtiges" Dorf: Eine eher ländliches, überschaubares Dorf, in der seit Generationen ein enges Netz an Verbindungen und Beziehungen zwischen den BewohnerInnen besteht. Man kennt sich, weiss, wer wo hingehört und die soziale Kontrolle ist relativ ausgeprägt. Viele BewohnerInnen sind aktiv ins Dorfleben eingebunden, z.B. in Vereinen, in der Feuerwehr, in Kommissionen, Gruppierungen etc. Diese dörflichen Institutionen sind die wichtigsten Träger des Dorflebens und gelten als Interessenvertreter des Dorfes und seiner BewohnerInnen. Dagegen ist es nicht üblich, dass sich BewohnerInnen individuell mit Anliegen und Ideen zu Wort melden.
In einem solchen Umfeld ist zwar die Integration der BewohnerInnen vergleichsweise stark, jedoch haben es neue Ideen und Anliegen oft schwer. In der Regel überwiegt der Wunsch, beim Bewährten zu bleiben und Neues nur einzuführen, wenn es nicht anders geht. Damit besteht aber die Gefahr, dass sich das Dorf zunehmend von den Anliegen und Bedürfnissen der BewohnerInnen entfernt. Damit schwindet das Interesse der BewohnerInnen an ihrem Dorf und das Dorfleben droht einzuschlafen, zum Nachteil aller. Mitgestaltung durch die BewohnerInnen ist eine Möglichkeit, dieser Entwicklung Gegensteuer zu geben.
Damit dies gelingen kann, muss ein Mitgestaltungsprozess an die spezielle Situation in einem ländlich geprägten Dorf angepasst werden. Es ist wenig erfolgversprechend, in einem traditionell geprägten Dorf von Beginn weg auf eine individuelle Beteiligung der BewohnerInnen zu setzen. Die Erfahrung zeigt, dass das gemeinschaftliche Denken und die gegenseitige Kontrolle zu gross sind, als dass die BewohnerInnen ihre Gedanken und Ideen offen äussern würden. Die Voraussetzungen für einen offenen Ideenaustausch können mit einer moderaten Form eines MItgestaltungsprozesses allmählich geschaffen werden.
Verankerung:
Die Vorbereitung und Organisation eines Mitgestaltungsprozesses kann z.B. eine bereits bestehende, eingespielte Kommission übernehmen. Die Kommission kann ev. noch um einige Personen erweitert werden, um sie breiter abzustützen und eine ausgewogene Zusammensetzung zu erreichen.
Ideensammlung:
Bei der Ideensammlung sind "geschützte" Formen vorzuziehen, also z.B. (moderierte) Gesprächsrunden innerhalb bereits bestehender Gruppen und Institutionen oder Einzelgespräche. Auf dieses Weise können sich die BewohnerInnen ohne Angst vor negativen Reaktionen äussern. Die Ergebnisse der Gespräche werden anonym veröffentlicht.
Ideenaustausch:
Beim Ideenaustausch ist eine öffentliche Präsentation der gesammelten Anliegen und Ideen sinnvoll. Dabei sollten die BesucherInnen eine Möglichkeit haben, die Ideen zu bewerten und zu gewichten (z.B. mit Bepunkten). Die Trägerschaft oder eine externe Begleitung stellen die Resultate zur Diskussion und versuchen, eine Weiterbearbeitung der wichtigsten Themen und Ideen anzuregen.
Umsetzung:
Viele BewohnerInnen sind es gewohnt, sich in dörflichen Institutionen zu engagieren. Dieses Potential kann genutzt werden, um Ideen und Projekte umzusetzen. Damit dies gelingt, müssen die Projekte aber breite Anerkennung im Dorf finden, sonst wird sich niemand exponieren wollen.
Institutionalisierung:
Mitgestaltung verfolgt das Ziel, die Bedürfnisse und Anliegen der BewohnerInnen als Grundlage für eine gemeinsame Gestaltung des Dorfes zu nutzen. In eher traditionell geprägten Dörfern ist die direkte Mitgestaltung durch die einzelnen BewohnerInnen eine Neuerung, die schrittweise Fuss fassen muss. Je nach den Erfahrungen mit dem oben beschriebenen Vorgehen, können mit der Zeit offenere Formen der Ideensammlung und des Ideenaustausch ausprobiert und institutionalisiert werden.
Die Landwirtschaftliche Beratungszentrale Lindau (LBL) hat sich auf die Vorbereitung und Durchführung von Mitgestaltungsprozessen in ländlichen Gemeinden spezialisiert. Jedes Jahr haben mehrere Gemeinden die Gelegenheit, dieses Angebot für einen geringe Entschädigung zu nutzen.